Camera obskur

ein Ausstellungsprojekt für den Kunstraum Düsseldorf mit Arbeiten von

Christine Erhard / Mirjam Kuitenbrouwer / Susanne Kutter / Stephan Mörsch /               Marc Räder und Eilike Schlenkhoff

Arbeiten von Stephan Mörsch und Marc Räder


Die in der Ausstellung versammelten Werke verbindet ihre Nähe zum Modellbau, die Beschäftigung mit dem Thema menschlicher Behausung sowie die Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie bzw. Film. Der mehrdeutige Titel umreißt die verschiedenen Aspekte des Ausstellungskonzeptes: Als Wortspiel verweist »Camera obskur« auf die den Beginn der Fotografiegeschichte markierende Camera obscura und deutet damit sinnbildlich auf die Fotografie als solche hin. Mit der wörtlichen Übersetzung des Titels eröffnet sich eine inhaltliche Ebene: Während „Camera“, das lateinische Wort für „Zimmer, Gewölbe, Raum“, also einen von vier Wänden begrenzten Ort bezeichnet, der gemeinhin als Indiz des Wohnens und der menschlichen Zivilisation gilt, beschreibt das Adjektiv „obskur“ die Unbestimmtheit oder Zweifelhaftigkeit dieses Raumes.

 

Das Funktionsprinzip der Camera obscura ist schon seit der Antike bekannt: Gelangt Licht durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum, so wird das umgekehrte Abbild der Außenwelt im Innern projiziert. Eben jenes Prinzip stellt sowohl die Grundvoraussetzung des menschlichen Sehens als auch der fotografischen Technik dar. Wo beim Menschen das Gehirn dafür sorgt, dass das durchs Auge einfallende Außenbild “richtig herum“ gedreht wird, sind es beim Fotoapparat optische Linsen. Die Fixierung des Bildes wird hier durch einen digitalen oder analogen Bildspeicher gewährleistet. In allen drei Fällen jedoch geht es um die Umwandlung einer ursprünglich drei Dimensionen umfassenden Information zu einer zweidimensionalen Projektion im Miniaturformat. Als Fotoapparat, aber auch als Modellraum vereint das Prinzip der Camera Obskura, beide wesentlichen Aspekte des Ausstellungsgedankens.

 

Arbeiten von Mirjam Kuitenbrouwer und Eilike Schlenkhoff

Mit der Auswahl von Werken, die sich vorrangig mit Behausungen als architektonische Innen- und Außenräumen in Miniaturform auseinandersetzen, nimmt die Ausstellung ein Grundbedürfnis menschlicher Existenz in den Blick: das Wohnen. Behausungen, seien sie natürlicher (Höhle) oder künstlicher (Haus) Art, sind private Räume, Rückzugsorte oder Arbeitsstätten, können aber auch gesellschaftliche Funktionen erfüllen. Meist suggerieren sie jedoch Schutz und Geborgenheit. Anders bei den in der Ausstellung versammelten Werken: Die Wohnräume, die hier als Sinnbild subjektiver Erfahrung, utopischer Fantasievorstellung oder kulturgeschichtlicher Annäherung stehen, erscheinen zweifelhaft und befremdlich, ja „unheimelig“. Der Grund dafür ist unter anderem im veränderten Maßstab, dem Fehlen menschlicher Identifikationsfiguren und Bezugsgrößen sowie der meist folgenden fotografischen oder filmischen Inszenierung zu finden.

 

Während Modelle im herkömmlichen Sinne, reduziert auf das Wesentliche, zu Übersicht und Klärung verhelfen, Standardisierungen und Vereinfachungen sind und eben keine Geschichten erzählen, bietet das Modellhafte in diesem Kontext die Möglichkeit, künstlerische Realitäten zu schaffen oder im Einzelfall sogar künstliche Realitäten aufzudecken. Mit dem Modell zeigt sich das Große im Kleinen, ohne die dritte Dimension zu verlassen, und wird damit überschaubar, händelbar, portabel, geradezu wie Marcel Duchamps >Boîte-en-valise< (1935-49). Eine vollständige Aneignung des Umraumes ist damit möglich, doch schafft sie nicht nur Nähe, sondern in gleicher Weise auch Distanz – eine Distanz, welche durch die fotografische Dokumentation, die das Band zwischen Dargestelltem und Darstellung ausgedehnt, noch verstärkt.

 

Arbeit von Susanne Kutter

Wo in der klassischen Fotografie, Motive mit der Linse gesucht werden, wird die Welt bei vielen der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten vor der Kamera aufgebaut und auf das gewünschte Foto hin konzipiert. In langwierigen Produktionsprozessen werden dreidimensionale Objekte, Modelle oder Installationen erschaffen, „nur“ um sie dann mit der Kamera festzuhalten. Der Künstler wird zum Operateur vor und hinter der Kamera. Dieses Prinzip steht der dokumentarischen Fotografie, aber auch der inszenierten Fotografie, die meist auf die Darstellung bewusst für ein Foto posierender Menschen abzielt, entgegen.

Arbeiten von Mirjam Kuitenbrouwer und Christine Erhard

Gemeinhin als dokumentarische, realitätsbezogene Medien wahrgenommen, lassen Fotografie und Film meist offen, ob es sich um Aufnahmen der echten oder konstruierten Welt handelt. Die unklaren Größenverhältnisse und Perspektiven sowie die Ausschnitthaftigkeit der fotografischen Bilder sind hier oftmals Hilfsmittel, um dem Illusionismus zu mehr Wahrhaftigkeit zu verhelfen. Modelle werden hier zur Realität, die Realität im Gegenzug zur Puppenstube. Falsche Wahrheiten können erzählt, vermeintliche Wirklichkeiten erlebt werden.

 

ein Projekt von Stefanie Ippendorf und Jari Ortwig

 

mehr zu Jari Ortwig:

http://rubensstrasse42.wordpress.com/

 

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